Versorgung Hilfsbedürftiger nicht sicher: Studie warnt vor Pflegekosten-Explosion

Die Beiträge zur Pflegeversicherung müssen einer Studie zufolge in sechs Jahren erneut steigen, um die wachsenden Kosten der alternden Gesellschaft zu decken. Das berichtet die „Süddeutsche Zeitung“ unter Berufung auf eine ihr vorliegende Untersuchung im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung.

Demnach errechneten die Wissenschaftler des Wirtschaftsforschungsinstituts Prognos, dass der Beitrag zwischen den Jahren 2025 und 2045 auf 4,25 Prozent steigen werde. Bei einem heutigen Durchschnittseinkommen von 3771 Euro brutto wären das im Monat mehr als 45 Euro zusätzlich. Zu Beginn des Jahres war der Beitragssatz um 0,5 Punkte auf 3,05 Prozent des Bruttoeinkommens.

Minister arbeiten an Einführung von flächendeckenden Tariflohn

In ihrer Analyse gehen die Forscher davon aus, dass bis zum Jahr 2045 fünf Millionen Menschen in Deutschland Pflege benötigen werden. Im Jahr 2017 waren es erst 3,3 Millionen Hilfsbedürftige. Zugleich werden in den kommenden Jahren aber immer weniger Familien für ihre alternden Angehörigen sorgen können: Die Zahl der Kinder sinkt, immer mehr Frauen arbeiten, statt sich um ihre Eltern zu kümmern, und immer seltener leben alle Generationen gemeinsam unter einem Dach. Wenn sich diese Entwicklung fortsetzt, werden im Jahr 2045 rund 28 Prozent der pflegebedürftigen Menschen in Altenheimen leben.

Zu den teuersten Entwicklungen, die auf die Versichertengemeinschaft zukommen, gehören deshalb auch die Löhne der Pflegerinnen und Pfleger. Die Forscher haben sich in ihrer Prognose am voraussichtlichen Bruttoinlandsprodukt der kommenden Jahre orientiert. Diese Kostenentwicklung sei jedoch „nicht vollständig“ heißt es in der Studie. Schließlich arbeiten Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), Arbeitsminister Hubertus Heil und Familienministerin Franziska Giffey (beide SPD) gerade gemeinsam mit Pflegeverbänden, Kirchen und Gewerkschaften daran, für Altenpfleger künftig einen flächendeckenden Tariflohn einzuführen.

Bertelsmann-Stiftung: Politik muss über neue Finanzierungsmodelle für Pflege nachdenken

So wichtig eine bessere Bezahlung für die Angestellten ist – so teuer wird sie für die Versicherten. Genauso wie die Beiträge zur Pflegeversicherung könnten deshalb langfristig auch die Zuzahlungen für Familien zu den Pflegeheimen steigen.

Auf längere Sicht, sagt Stefan Etgeton von der Bertelsmann-Stiftung, sei die Versorgung der Pflegebedürftigen nicht sicher. Zumindest, "wenn es bei den Rahmenbedingungen bleibt, die wir heute haben". Bald müsse die Politik deshalb über neue Finanzierungsmodelle für Pflege in Deutschland nachdenken – zum Beispiel über Steuergeld.

Arbeitsbedingungen der Pflegekräfte beurteilten 60 Prozent der Befragten als "schlecht"

In der Pflegebranche selbst wird die Stimmung einer Umfrage zufolge immer schlechter. Das berichtet das Redaktionsnetzwerk Deutschland unter Berufung auf den "Care-Klima-Index" im Auftrag des Deutschen Pflegetags, der am Mittwoch vorgestellt werden sollte. In einer Repräsentativumfrage von Ende 2018 unter Pflegekräften, Ärzten, Pflegebedürftigen, Angehörigen sowie Vertretern von Kassen und Verbänden beurteilten demnach 29 Prozent der Befragten die Qualität der Pflege nur als "mangelhaft". Das sind fünf Prozentpunkte mehr als noch im Vorjahr.

28 Prozent schätzen die Patientensicherheit als "niedrig" ein. 2017 betrug der Anteil noch 26 Prozent. Die Arbeitsbedingungen der Pflegekräfte beurteilten 60 Prozent der Befragten als "schlecht". Das ist ein Zuwachs um immerhin neun Prozentpunkte.

Zahl pflegebedürftiger Menschen in Nordrhein-Westfalen steigt

In Nordrhein-Westfalen fehlen laut einer Studie im Auftrag der Landesregierung bereits heute etwa 10.000 Fachkräfte in Gesundheitsberufen. Der Report "Landesberichterstattung Gesundheitsberufe" komme zu dem Ergebnis, dass in der Gesundheits- und Krankenpflege 5159 pflegerische Vollzeitfachkräfte, in der Kinderkrankenpflege 665 und in der Altenpflege 4268 Pflegefachkräfte in Vollzeit fehlten. Das berichtet der "Kölner Stadt-Anzeiger" mit Verweis auf das NRW-Gesundheitsministerium.

Die Fachkräftelücke habe sich den jüngsten Daten zufolge vergrößert, sagte ein Ministeriumssprecher in Düsseldorf. Diese stammten aus dem Jahr 2017. Laut dem vorangegangen Report mit Daten aus 2015 fehlten damals 2290 Vollzeitstellen in pflegerischen Berufen mit einer dreijährigen Qualifizierung. Dem Zeitungsbericht zufolge stieg die Zahl pflegebedürftiger Menschen in der Zeit zwischen 2012 und 2015 von rund 581 500 auf 638 100 an.

Ein Grund der Personalnot sei die Ausweitung des Versorgungsangebotes der Einrichtungen der ambulanten und stationären Pflege, die jetzt mehr Fachkräfte benötigten, sagte Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) dem "Kölner Stadt-Anzeiger". "Wir müssen deutlich mehr ausbilden – vor allem in den Krankenhäusern." Als weitere Ursache für den Notstand nannte der Minister fehlende Lehrkräfte an den Pflegeschulen. "Als Konsequenz aus den vorliegenden Zahlen werden wir daher ab sofort auch Bachelorabsolventinnen und -absolventen als hauptamtliche Lehrkräfte zulassen", kündigte Laumann an.

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