600 Krebs-Schwachstellen entdeckt: Jetzt arbeiten Forscher an neuen Tumorkillern

Mit Hilfe der Genschere Crispr hat ein internationales Forscherteam das Erbgut von 300 Tumoren aus 30 verschiedenen Krebsarten auseinandergenommen. Sie fanden dabei 600 Angriffsziele, für die sich die Entwicklung neuer Wirkstoffe lohnt: Tumorkiller, die gesundes Gewebe verschonen.

Mit der Analyse von Genen kennen sich die Forscher am Wellcome Sanger Institut bestens aus. In der Nähe von Cambridge wird seit knapp 30 Jahren das menschliche Erbgut bis ins letzte Detail entschlüsselt. Ein wichtiger Aspekt der Arbeit ist die Enträtselung krankhafter DNA.

30 Krebsarten, 6000 Überlebensgene, 600 Schwachstellen

Jetzt hat ein 25-köpfiges internationales Forscherteam unter Federführung des Wellcome Sanger Instituts die genetische Information in den Zellen von 30 verschiedenen Krebsarten auseinandergenommen. Sie zerlegten dafür 20.000 Gene aus mehr als 300 laborgezüchteten Tumoren in ihre Einzelteile. Sie fanden 6000 Gene, die Krebszellen zum Überleben brauchen und insgesamt 600 Schwachstellen von Krebs. Jede einzelne davon würde sich für einen gezielt eingesetzten Wirkstoff eignen, der die Krebszellen vernichtet und gesunde Zellen verschont.

Für die Gen-Demontage nutzten die Forscher die Genschere Crispr. Diese Technologie erlaubt Veränderungen im Erbgut, indem Geninformationen entfernt, ausgetauscht oder in einen Genabschnitt eingebaut werden können. Ohne diese neue Methode wäre die jetzige Arbeit überhaupt nicht möglich gewesen, die in der Fachzeitschrift „Nature“ vorgestellt wurde.

Neue Medikamente sollen die Krebs-Schwachstellen attackieren

Die gigantische Genanalyse wird als wichtiger Beitrag zu einer gezielten, personalisierten Krebsbehandlung gesehen. Die punktgenaue Wirkstoff-Attacke von Tumoren und Krebszellen ist die seit langem angestrebte Alternative zum heutigen Standard. Denn dabei wird der gesamte Körper mit Zellgiften überschüttet, die zahlreiche gesunde Zellen zerstören.

Von den 6000 überlebenswichtigen Genen für Krebszellen eignen sich nicht alle als Angriffsziel für Medikamente, weil sie auch von gesunden Zellen benötigt werden. Für andere gibt es bereits zielgerichtete Wirkstoffe, etwa Herceptin gegen Brustkrebs.

Am Ende blieben die 600 vielversprechenden Angriffsziele, für die es sich nach Ansicht der Studienautoren lohnt, neue Medikamente zu entwickeln.

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Eines der besonders lohnenswerten Ziele trägt den merkwürdigen Namen „Werner-Syndrom RecQ Helikase“ (WRN). Das mutierte Werner-Gen hält verschiedene Krebszellen am Leben, wie die Forscher herausfanden. WRN ist zum Beispiel bei 15 Prozent von Darmkrebs und 28 Prozent von Magenkrebs beteiligt.

Alle Schwachstellen sämtlicher Krebsarten auf einen Blick

Die Studie trägt auch zur sogenannten „Cancer Dependency Map“ bei. In dieser Krebs-Karte sollen sämtliche Schwachstellen aller Krebsarten zusammengeführt werden. Auf dieser Informationsbasis könnten Ärzte eines Tages den personalisierten Wirkstoff gezielt gegen den Krebs jedes Patienten einsetzen.

Studienautorin Fiona Behan drückte es gegegnüber der BBC martialisch aus: „Wir sind dabei zu verstehen, was in einer Krebszelle vor sich geht. So können wir unser Maschinengewehr gegen die Krebszellen richten, nicht gegen den ganzen Körper, wie es die Chemotherapie gegenwärtig tut.“

Andere Krebsmediziner sehen die umfangreiche Studie etwas nüchterner als guten Ausgangspunkt für die Analyse der Gene, die die Forscher als Schwachpunkte von Krebs erkannten. Ob und wie viele Medikamente sich auf dieser Basis in der Zukunft entwickeln lassen, müsse sich erst noch zeigen.


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