Das Märchen von der sanften Natur

Das Magenmittel Iberogast ist rein pflanzlich, sehr beliebt – und hat möglicherweise einen Todesfall ausgelöst. Am Sonntag berichtete das „Handelsblatt“, dass die Staatsanwaltschaft Köln ermittelt, ob der Tod einer 2018 verstorbenen Frau hätte verhindert werden können, wenn früher vor den möglichen Nebenwirkungen von Iberogast gewarnt worden wäre.

Denn Schöllkraut kann die Leber schädigen, das ist bekannt. Die Frau starb an Leberversagen und inneren Blutungen, nachdem sie das von Bayer hergestellte Iberogast eingenommen hatte.

So einfach wollten viele Leser das nicht hinnehmen. Da habe Bayer mal ein gutes natürliches Medikament rausgebracht, das müsse nun schnell weg vom Markt, schriebt etwa jemand und fragte: Wer sagt, dass Schöllkraut der Auslöser war? Ähnliche Reaktionen gab es viele.

Die Frage ist sinnvoll und muss, wie bei allen Berichten über Nebenwirkungen von Arzneimitteln, geklärt werden. Dennoch ist die klare Tendenz verblüffend, sich bei diesem Fall auf die Seite des Pharmakonzerns zu stellen und nicht auf die der Verbrauchersicherheit.

Woher kommt das Urvertrauen ins Natürliche?

Angelikawurzel, Kamillenblüten, Kümmelfrüchte, Mariendistelblüten, Melissenblätter, Schöllkraut, Süßholzwurzel und Bittere Schleifenblume: Die Zutatenliste im Beipackzettel von Iberogast weckt Assoziationen an lauschige Wälder, an blühende Wiesen, an herrlichen Duft. Wahrscheinlich liegt darin der erste Schritt zum weit verbreiteten Fehlschluss, dass alles Pflanzliche gesund und gut ist.

Dabei gibt es genug Gegenbeispiele. Der prächtig blühende Fingerhut etwa produziert Substanzen, die den Herzrhythmus verändern. Alle Bestandteile der Pflanze sind hochgiftig. Eibe, Tollkirsche, Maiglöckchen, Stechapfel – alle giftig, nicht obwohl, sondern weil sie natürlich und pflanzlich sind.

Unzählige Pflanzen enthalten Stoffe, die dafür sorgen sollen, dass Tiere – inklusive Menschen – sie nicht vertilgen, sondern in Ruhe lassen. Pflanzen können nun einmal nicht davonlaufen vor Fressfeinden.

Die Kehrseite des Natur-Vertrauens

Oft geht das große Vertrauen ins Natürliche in der Bevölkerung einher mit einer Skepsis gegenüber dem Nicht-Natürlichen, gern abgekürzt als: Chemie.

Dies ist nicht nur bei Arzneimitteln zu beobachten. So war etwa die Besorgnis groß, als bekannt wurde, dass Biere extrem geringe Mengen des Herbizids Glyphosat enthalten. Dass jemand Hunderte Liter an einem Tag trinken müsste, um auf eine gefährliche Dosis zu kommen, interessierte nur wenige. Oder dass der natürlicherweise im Bier enthaltene Alkohol im Gegensatz zu Glyphosat nicht nur als wahrscheinlich krebserregend eingestuft ist, sondern als sicher krebserregend und die ungleich größere Gesundheitsgefahr darstellt.

Angesichts heutiger Umweltprobleme ist eine Skepsis gegenüber chemischen, technischen Lösungen durchaus angebracht. Die Menschheit hat in den vergangenen Jahrzehnten mit FCKW die Ozonschicht angegriffen, sie hat es geschafft, dass sich gefährliche Chemikalien wie die Dioxine weltweit in der Umwelt angereichert haben und dass überall Mikroplastik zu finden ist.

Ebenso ist verständlich, dass sich Menschen in der heutigen Zeit nach Natur sehnen. Pflanzliche Arzneimittel stehen – als Teil dieser Natur – für eine scheinbar idyllische Vergangenheit, in der sich der Mensch noch nicht durch Smartphones, Plastik, Autobahnen und Klimaanlagen weitgehend von der der Natur entkoppelt hatte. Es ist ein zauberhafte Vorstellung, dass damals weise Kräuterfrauen mit den richtigen Pflanzen alle Krankheiten heilten, ehe sie als Hexen verbrannt wurden.

Die Realität ist und war jedoch, dass nicht gegen jede Krankheit ein Kraut gewachsen ist. Und ebenso wie es ein Trugschluss ist, von der Gefährlichkeit einiger Chemikalien auf die Gefährlichkeit aller zu schließen, verdient nicht jedes pflanzliche Medikament einen Freifahrtschein.

Ob etwas als natürlich oder chemisch bezeichnet wird, sagt überhaupt nichts darüber aus, ob es gesund ist oder giftig. Auch bei der Diskussion um das pflanzliche Arzneimittel Iberogast sollte deshalb Natürlichkeit keine Rolle spielen.

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