Der Feind im eigenen Haus

Seit einem Monat leidet der 62-Jährige bereits unter hartnäckigem Husten. Immer wieder bleibt ihm die Luft weg, außerdem war seine Temperatur erhöht, bevor er im Krankenhaus im japanischen Osaka erscheint. Es ist nicht sein erster Versuch, den Beschwerden auf den Grund zu gehen.

In den vergangenen Wochen war der Mann bereits in zwei Krankenhäusern, beide Male bekam er Antibiotika verschrieben. Weil die Beschwerden trotzdem anhielten, überweisen ihn die Ärzte schließlich zu Spezialisten ins Kitano Hospital.

Der 62-Jährige hat in der Vergangenheit geraucht und war als Bauarbeiter tätig. In dieser Zeit könnte er Asbest eingeatmet haben, befürchten die Mediziner. Der faserige Stoff bleibt über Jahrzehnte im Körper, er gilt als extrem krebserregend. Abgesehen davon finden sich in der Vergangenheit des Mannes jedoch keine Anhaltspunkte für die Probleme.

Er zählt zu den vorbildlichen Patienten, jedes Jahr im April absolviert der 62-Jährige einen Gesundheitscheck. Bislang war immer alles in Ordnung, berichten die Mediziner um Tomoki Maetani im Fachmagazin „BMJ Case Report“.

Trübungen in der Lunge

Als der Mann im Krankenhaus ankommt, ist seine Atmung beschleunigt. 30 Mal pro Minute ringt er um Luft, normal wären zwölf Atemzüge pro Minute. CT-Aufnahmen zeigen Trübungen der Lunge, die auf vieles hinweisen können – von Infektionen bis hin zu chronischen oder akuten Erkrankungen der Lungenbläschen. Immerhin: Ein Tumor scheint nicht zu wachsen.

Eine Blutgasanalyse bestätigt, dass die Lunge den Körper nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt. Der Sauerstoffpartialdruck liegt bei dem Mann bei knapp 60 mm Hg, normal wären 80 bis 100 mm Hg. Grund können verdickte Wände der Lungenbläschen sein, die den Gasaustausch zwischen den Lungenbläschen und dem Blutkreislauf behindern.

Als die Ärzte die Lunge abhören, erklingt ein leichtes, diffuses Knistern. Das Herz aber, das bei Lungenerkrankungen oft mitleidet, scheint normal zu arbeiten. Die Herzgeräusche sind gesund.

Noch am selben Tag führen die Ärzte eine Lungenspiegelung durch, bei der sie etwas Gewebe entnehmen und das Organ mit Flüssigkeit spülen. Die Proben lassen nicht eindeutig auf eine Krankheit schließen, auch finden die Mediziner keine schädlichen Keime. Stattdessen stoßen sie auf eine deutlich erhöhte Zahl bestimmter Abwehrzellen. Das schürt einen Verdacht: Könnten die Probleme allergisch bedingt sein?

Farmerlunge, Maschinenarbeiterlunge, Vogelhalterlunge

Bei der sogenannten exogen-allergischen Alveolitis entzündet sich das Zwischengewebe in den Lungenbläschen, die Beschwerden ähneln denen einer Lungenentzündung. Als Auslöser kommen die verschiedensten Substanzen infrage, von Vogelkot über Schimmelpilze und Bakterien bis hin zu Holzstaub oder Arzneimitteln.

Eigentlich zählt die exogen-allergische Alveolitis zu den seltenen Krankheiten, sie tritt jedoch häufig als Berufskrankheit auf, etwa als Vogelhalterlunge, Farmerlunge oder Maschinenarbeiterlunge. Daneben kann auch das Schlafen mit Daunendecken eine Alveolitits auslösen, eine Bettfederlunge. Bei dem Mann aber vermuten die Ärzte eine andere Ursache, nachdem sie ihn gezielt befragen.

In seiner Wohnung sei ein Teil des Holzbodens faulig, erzählt der 62-Jährige. Außerdem besitze er eine Klimaanlage, die seit 15 Jahren nicht mehr gewartet wurde. In der Anlage könnten sich Keime angesammelt haben, die immer wieder in den Räumen verteilt werden.

Bild des Holzbodens in der Wohnung des Patienten

Die Mediziner geben weitere Laboranalysen in Auftrag. Bei einer exogen-allergischen Alveolitis bildet der Körper spezifische Antikörper gegen den Stoff, auf den er reagiert. Anschließend verursachen spezialisierte Immunzellen die Beschwerden. Hält die Krankheit mehrere Jahre an, droht eine Lungenfibrose, bei der das Lungengewebe vernarbt.

Die Laborergebnisse bestätigen den Verdacht: Im Blut schwimmen Antikörper gegen Trichosporon asahii, einen Hefepilz. Das ist jedoch nur ein Teil des Problems. Die Krankheit scheint bei dem Mann auch auf die Nieren geschlagen zu haben. Analysen des Urins zeigen, dass er zu viele Eiweiße ausscheidet. Außerdem ist der Wert an roten Blutkörperchen im Urin deutlich erhöht.

Die Niere leidet mit

Zwei Wochen nach der Lungenbiopsie entnehmen die Mediziner dem Mann zusätzlich Nierengewebe. Die Analyse zeigt, dass beides mit einer hohen Wahrscheinlichkeit zusammenhängt. Der Mann hat eine sogenannte IgA Nephropathie entwickelt. Die Krankheit tritt typischerweise nach Infektionen auf, bei der allergischen Lungenerkrankung ist sie selten. Sie ist auf Immunkomplexe zurückzuführen, die sich in den Nieren ablagern – Gebilde, die unter anderem aus Antikörpern bestehen.

20 bis 30 Prozent der Betroffenen entwickeln über Jahre hinweg eine schwere Nierenschwäche, der Mann aber hat Glück. Bei ihm wird die Krankheit rechtzeitig erkannt. Drei Tage lang behandeln die Ärzte ihn intravenös mit einem entzündungshemmenden Gluccocortioid, um das Immunsystem zu bremsen. Anschließend erhält er das Mittel 18 Tage hochdosiert in Tablettenform. Die Behandlung schlägt an, die Laborwerte, radiologischen Befunde und seine Beschwerden verbessern sich.

Noch während der Mann im Krankenhaus liegt, lässt er die Klimaanlage ersetzen und den Holzboden reparieren. Nach 52 Tagen entlassen die Ärzte ihn in die frisch renovierte Wohnung. Er nimmt weiterhin niedrig dosierte Entzündungshemmer ein. Die Therapie wirkt, der Mann erleidet keinen Rückfall.

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