Psychologin: „Wenn Kinder zu früh in die Kita kommen, sind die Schäden irreversibel“

Stefanie Stahl ist Psychologin, Therapeutin und Autorin. Regelmäßig hält sie Seminare rund um Themen wie Bindungsangst und Selbstwertgefühl. Im Interview mit FOCUS Online spricht sie über ihren langjährigen Bestseller und wieso wir uns mit unserem „inneren Kind“ auseinandersetzen sollten.

FOCUS Online: Frau Stahl, Ihr Buch „Das Kind in dir muss Heimat finden“ ist seit 2016 jedes Jahr in der Spiegel-Bestsellerliste auf Platz 1. Für diejenigen, die es trotzdem nicht kennen: Worum geht es in Ihrem Buch?

Stefanie Stahl: Es geht um das Wichtigste überhaupt im Leben – das Gehirn und wie es geprägt ist. Dadurch wird bestimmt, wie wir die Welt und andere Menschen wahrnehmen – und das wiederum bewirkt, wie wir fühlen, denken und handeln.

Jeder von uns hat ein aus der Kindheit und von den Eltern subjektiv geprägtes Gehirn. Und da es keine perfekten Eltern gibt, ist es für jeden interessant zu schauen, mit welcher Software im Kopf ich herumlaufe. Das ist auch der Grund, warum es so erfolgreich ist: Das Buch geht jeden etwas an.

„Das Kind in dir muss Heimat finden“ – Tipps von Stefanie Stahl im Live-Webinar

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Wie kann ein Buch die Rolle eines Therapeuten einnehmen, der sich in einer Gesprächstherapie individuell mit dem Patienten auseinandersetzt?

Stahl: Wir sind nicht so individuell, wie wir denken. Unsere Psyche funktioniert nach gewissen Gesetzmäßigkeiten und wir weisen alle die gleiche Grundstruktur auf. Die Individualität ist lediglich die Abweichung von der Struktur. Wir müssen daher nicht zwingend individuell betreut werden, um zu sehen, wo bei uns die Schraube locker ist. Dazu kommt die Motivation. Menschen, denen mein Buch helfen kann, sind motiviert, selbst in die Verantwortung zu gehen.

Und wer sich das nicht zutraut?

Stahl: Diejenigen, die eine Psychotherapie brauchen, möchten jemand an ihrer Seite, der dabei hilft. Das kann beispielsweise bei schlimmen und schmerzhaften Erlebnissen ratsam sein. Es gibt aber viele Menschen, die sagen, das Buch hat mir viel mehr geholfen als viele Therapien vorher.

Es ist in unserem Beruf wie überall: Es gibt eine Normalverteilung, das heißt, es gibt schlechte, gute und sehr gute Therapeuten. Und wenn der Therapeut das Thema verfehlt, hilft eine Therapie auch nicht weiter.

Ich soll mich laut Buch mit dem „inneren Kind“ auseinandersetzen. Warum sind Kindheitserinnerungen so prägend für unser gesamtes Leben?

Stahl: Weil sich das Gehirn danach konfiguriert. Das Gehirn ist nur zu etwa 25 Prozent ausgebildet, wenn wir auf die Welt kommen. Der Rest verschaltet sich, vor allem in den ersten sechs Lebensjahren. Und zwar danach, wie wir die Welt da draußen vorfinden.

Was heißt das genau?

Stahl: Das Gehirn prägt sich durch die Umwelterfahrung. Wenn ich als Kind die Erfahrung mache, Mama und Papa freuen sich, dass es mich gibt, sie versorgen mich gut und haben mich ganz doll lieb, dann verschaltet sich das Gehirn über die hormonellen und neuro-biologischen Prozesse, die ablaufen. Und ganz tief entsteht ein Urvertrauen, ich bin ok und es gibt da draußen Menschen, denen ich vertrauen kann.

Das ist eine tiefe Prägung. Wenn ich dieses Urvertrauen nicht habe, ist mein Gehirn viel gestresster, ich habe weniger Sicherheitserleben. Die ersten zwei Jahre sind dafür sehr wichtig. 

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Spielt es eine Rolle, ob ich mein Kind sehr früh in die Kita gebe oder selber betreue?

Stahl: Wenn Kinder zu früh in Kita kommen und das Sicherheitserleben nicht genug ausgeprägt ist, ist es später irreversibel. Diese Kinder sind dann viel schneller gestresst, weil sie nicht runterregulieren können. Das liegt auch daran, dass Kinder ein Jahr zu früh geboren werden, sie müssen eigentlich erst einmal „nachgebrütet“ werden.

Im ersten Jahr geht es nur um Sicherheit und Geborgenheit, was ehrlicherweise am besten die Mutter als Bezugsperson machen kann. Also Sicherheit durch Körperkontakt geben, aufheben, trösten, streicheln. Dadurch schüttet das Gehirn beruhigende Hormone aus. Das kindliche Gehirn kann nicht selbst Stress regulieren. Nur mit Mama und Papa spurt sich das Gehirn ein und das Kind bekommt Sicherheit. Wenn es aber zu früh und zu lange in der Kita ist, entsteht dieser Kreislauf nicht, sondern es entwickelt sich ein Hardware-Schaden.

Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr, heißt es. Gibt es Übungen, mit denen ich sie festgefahrene Denkmuster wieder gelöst bekomme?

Stahl: Man kann viel nachholen und neu lernen, wenngleich die ganz frühen Erfahrungen in den ersten beiden Jahren schwerer zu kompensieren sind. Später geht es um einen primitiven Prozess: Man hat eine Situation als Erwachsener, die nicht objektiv ist, sondern über die Erinnerung funktioniert.

Was heißt das konkret?

Stahl: Ich kann aufgrund meiner Erfahrung und Erinnerung einen Tisch als Tisch erkennen oder einen Hund als Hund. Das ist gut bei konkreten Geschichten, aber was ist, wenn mein Gegenüber die Mundwinkel hochzieht? Ist das jetzt ein freundliches Lächeln oder ein dummes Grinsen? Die zwischenmenschlichen Dinge interpretiere ich über meine Erinnerungen.

Wenn meine prägenden Erinnerungen sehr schlecht waren mit Menschen, sehe ich viel Feindseligkeit. Und dann sind diese Menschen bedrohlich, weil ich dieses Vertrauen nicht erworben habe. Im meinem Kopf spielen sich Szenen ab wie: Auf Menschen da draußen kann man sich nicht verlassen, die sind nicht lieb, nehmen meine Bedürfnisse nicht wahr. Ich muss daher gucken, dass ich allein klarkomme.

Und wie komme ich da raus?

Stahl: Der Mensch hat ein Reflexionsvermögen. Ich kann erkennen, dass dies früher bei Mama und Papa so war und deshalb denke, jemand wolle mir etwas Böses oder ich sei dem anderen unterlegen. Aber das ist Quatsch, es sind nur subjektive Prägungen.

Wären meine Eltern anders drauf gewesen, hätte ich ganz andere Assoziationen. Also gehört das ganze Programm, was sich in meinem Kopf abspielt, gar nicht zu mir, sondern zu meinen Eltern und ich kann mich davon distanzieren. Der erste Schritt ist zu erkennen, dass man im falschen Film sitzt. Wenn ich das nicht erkenne, glaube ich ja alles, was ich sehe.

Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Ich war im Bavaria-Filmstudie im 4D-Kino, da war eine mörder-animierte Comic-Schlittenfahrt. Durch die 4D-Effekte dachte ich, ich sitze im Schlitten, schreie und habe Angst. Wenn ich mich aber erinnere, dass ich im Kino sitze und es sich nur um einen Film auf der Leinwand handelt, distanziere ich mich. So ist es auch im wirklichen Leben. Diese Prägung durch die 4D-Animtaion hat nichts mit dem Hier und Heute, also der Gegenwart, zu tun. Wenn Sie neben sich treten und sehen, es ist nur ein Film, dann löst sich die Szene auch auf. Das ist, was ich mit den Leser:innen im Buch auch exerziere.

„Das Kind in dir muss Heimat finden“ – Tipps von Stefanie Stahl im Live-Webinar

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Wie erkenne ich, dass die Ursache meiner Probleme bei meinem „inneren Kind“, also den frühen Prägungen, liegt. Kann doch auch der Partner sein, dessen inneres Kind Probleme verursacht.

Stahl: Das erkennt man am besten, wenn man von außen draufschaut und in die Beobachterposition wechselt. Was trage ich dazu bei, dass die Situation schwierig ist. Also ganz von außen draufschauen, wie wenn ein Richter:in einen Fall behandelt. Und dann schaue ich, was macht die Gegenseite, was ist deren Anteil? Ich übernehme Verantwortung für den Teil, der zu mir gehört und grenze mich ab von dem anderen Teil.

Dazu ebenfalls ein Beispiel: Wenn meine Partnerin Bindungsangst hat und immer gestörte Manöver macht von Nähe und Distanz und ich erkenne diese Bindungsangst, dann belasse ich diese Angst bei ihr. Wenn ich es zu mir nehmen würde, dann würde ich versuchen, sie von meinem Wert zu überzeugen und dafür die Verantwortung übernehmen. Wenn ich das nicht tue, trenne ich mich, weil mir das zu anstrengend ist und suche jemand, der bindungsfähiger ist oder ich wähle einen Weg, wie ich damit umgehen kann. Eine Möglichkeit kann sein, dass ich mich ein Stück weit unabhängiger mache.

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