Britische Wissenschaftler warnen vor zweiter Corona-Welle

Knapp 290.000 Infizierte und 45.000 Tote: Kein Land in Europa ist stärker von der Coronakrise betroffen als Großbritannien. Nur durch harte Einschränkungen konnte das Infektionsgeschehen im Vereinigten Königreich eingedämmt werden. Zwar kehrt auch dort allmählich der gewohnte Alltag zurück – vor Kurzem öffneten unter großem Andrang die traditionellen Pubs wieder ihre Türen -, doch allzu sehr werden die Zügel vorerst nicht gelockert. Premierminister Boris Johnson erwägt etwa die Einführung einer strengeren Maskenpflicht. Es dürfe jetzt nicht zu neuen, größeren Ausbrüchen wie in anderen Ländern kommen, so der 56-Jährige.

Experten erwarten „schwierigen Winter“

Denn auch wenn es vielen Bürgern so vorkommen mag, die Coronakrise ist längst nicht vorbei. Die Zahl der Neuinfektionen liegt in Großbritannien immer noch bei 500 bis 600 pro Tag – und damit höher als in Deutschland. Dementsprechend besorgt blicken Gesundheitsexperten auf den Herbst und Winter. Britischen Medien zufolge wurden Minister nun angewiesen, sich auf einen erneuten Anstieg von Coronavirus-Fällen in diesem Winter vorzubereiten.

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Hintergrund der Prognose: Den wissenschaftlichen Beratern der Regierung sollen „starke“ Beweise vorliegen, dass sich das Virus bei einer Temperatur von etwa vier Grad Celsius optimal ausbreitet und bis zu zehnmal länger übersteht. Da durch die traditionelle Grippewelle ohnehin großer Druck auf dem britischen Gesundheitssystem (NHS) lastet, fürchten einige einen „schwierigen Winter“.

Was das heißt zeigt sich derzeit bei der australischen Millionenmetropole Melbourne, wo derzeit Winter ist. Dort wurde diese Woche eine zweite Sperre für die mehr als vier Millionen Einwohner verhängt.

Rückverfolgung muss „absolut fehlerfrei“ funktionieren

Derzeit halten sich viele Menschen mit Freunden und Familie in Parks und Gärten auf, sie essen auf den Außenterrassen der Restaurants oder sonnen sich unter Einhaltung der Abstandsregeln am Badestrand. Im Winter zieht es die Menschen dagegen in geschlossene Räume, was das Risiko einer Übertragung erhöht.

„Es ist wirklich wichtig, dass sich die Menschen auf die Herausforderungen vorbereiten, die der Winter zweifellos mit sich bringen wird“, wird ein hochrangiger Beamter von der „Daily Mail“ zitiert. Derzeit konzentriere man sich darauf, lokale Ausbrüche zu erkennen und sofort einzudämmen – vergangene Woche wurden etwa in der Stadt Leicester verschärfte Ausgangssperren verhängt, nachdem die Zahl der Corona-Infektionen dort wegen Textilfabriken mit schlechten Arbeitsbedingungen in die Höhe geschnellt ist. Eine ähnliche Strategie verfolgt auch die Bundesregierung, wie der Fall des Tönnies-Werks in Rheda-Wiedenbrück zeigte.

Sollten die Gesamtzahlen Richtung Herbst jedoch steigen, „würde ich damit rechnen, dass ich einige nationale Maßnahmen wieder einführen muss“, so ein hoher, nicht namentlich genannter Beamter. Seiner Meinung nach müsse die Test- und Rückverfolgungsstrategie der Regierung bis zum Herbst „absolut fehlerfrei“ funktionieren.

Die Daten des Office for National Statistics zeigen, dass derzeit etwa 14.000 Menschen in England das Virus haben. Um mit einer möglichen zweiten Welle fertig zu werden, müsste diese Zahl deutlich gesenkt werden, mahnen Wissenschaftler.

Rüsten für die zweite Welle

James Naismith von der Universität Oxford sagte: „Diese Zahlen sagen uns, dass es unwahrscheinlich ist, dass wir das Virus vor dem Winter aus dem Vereinigten Königreich eliminieren können. Das Virus ist global geworden. Ohne einen Impfstoff müssen wir uns darauf vorbereiten, dass es uns begleiten wird.“

Ähnlich sieht es auch Hendrik Streeck, der hierzulande das Institut für Virologie am Universitätsklinikum Bonn leitet. In der ZDF-Talkshow „Maybrit Illner“ sagte er vor wenigen Tagen: „Ich glaube, wir müssen uns von diesem Gedanken verabschieden, dass wir das Virus irgendwie komplett austreiben können aus der Gesellschaft.“ Es werde Teil unseres Alltags werden, „und wir müssen anfangen, souverän damit umzugehen.“

Seiner Ansicht nach werde das Virus auch künftig immer wieder aufflammen und zu steigenden Infektionszahlen führen. „Ich rechne damit, dass es eine zweite, dritte Welle geben wird“, so Streeck. Dieses andauernde „Auf- und Abwabern“ sei grundsätzlich typisch für alle Coronaviren.

Quellen: „The Times“, „Daily Mail“, ITV, Telegraph

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