Corona-Impfung bei schwerkranken Obdachlosen: Wissen nicht, wie das ablaufen soll

Im Dezember vergangenen Jahres ist die deutsche Corona-Impfkampagne angelaufen. Viele Obdachlose sind schwer krank und hätten daher Anspruch auf baldige Immunisierung. Doch die Vereinbarung eines Impftermins ist schwierig, wenn keine Adresse bekannt ist.

Wer schon einmal an der Isar spazieren war oder durch die Münchner Innenstadt geschlendert ist, dem dürften sie bereits aufgefallen sein: Obdachlose, die am Straßenrand oder unter der Brücke in dürftigen Lagern aus Matratzen, Campingstühlen und Decken sitzen. Knapp 9000 Menschen leben in München auf der Straße.

Einer, der sich um die Wohnungslosen kümmert, ist Emmanuel Rotter. Der 54-Jährige arbeitet bei der Obdachlosenhilfe Sankt Bonifaz und sagt: Durch die Corona-Krise ist es wesentlich schwieriger, den Menschen auf der Straße zu helfen. Dem "Biss Magazin" sagt er: "Ganz beschwerlich geht es, die Türen aufzuhalten und das zu tun, was wir vor der Pandemie gemacht haben."

Surftipp: Alle Neuigkeiten zur Corona-Pandemie finden Sie im News-Ticker von FOCUS Online 

Was er damit meint, zeigt ein Blick auf Prä-Pandemie-Zeiten. Auf dem Gelände der Abtei Sankt Bonifaz im Münchner Stadtteil Maxvorstadt steht das sogenannte "Haneberghaus", in dem Gäste normalerweise Essen und Kleidung bekommen, sich duschen oder mit Sozialarbeitern und Ärzten austauschen können.

"Ich denke, dass 80 Prozent unserer Gäste Vorerkrankungen haben"

Die Zustände dort haben sich mit der Corona-Krise radikal verändert. "Wir geben seit Beginn der Krise Lunchpakete aus, im Moment sowie donnerstags und freitags, leider Gottes kein warmes Essen", erzählt Rotter.

Duschen und Kleiderkammer hätten nur noch am Mittwoch und am Samstag geöffnet "statt wie vor der Krise an vier Tagen die Woche". Der 54-Jährige ist jedoch froh, dass zumindest die Arztpraxis noch immer an vier Tagen die Woche für Obdachlose zugänglich ist.

"Wir behandeln weiter Kranke, versorgen Wunden und geben auch Masken aus, wenn wir sehen, dass jemand mit einem total zerfetzten Mundschutz ankommt", erklärt er im Interview mit dem "Biss Magazin".

Denn viele Menschen, die auf der Straße leben, seien gesundheitlich angeschlagen. "Oft ist ihr Immunsystem sowieso schon geschwächt, und wenn dann noch Corona dazukommt, wird es schwierig. Ich denke, dass 80 Prozent unserer Gäste Vorerkrankungen haben und deshalb zu einer Risikogruppe gehören", berichtet Rotter.

Das bedeutet auch: Viele der Obdachslosen dürften als Personen gelten, die mit erhöhter Priorität geimpft werden sollen.

Im deutschen Immunisierungsplan gibt es drei Prio-Gruppen. Zuerst sollen etwa Menschen geimpft werden, die älter als 80 sind oder in der Pflege arbeiten. In die zweite Gruppe fallen neben Über-70-Jährigen auch Menschen mit bestimmten Krankheiten wie Diabetes mellitus, COPD oder chronischen Leber- oder Nierenerkrankungen. Auch, wer "in Flüchtlings- und Obdachloseneinrichtungen" lebt oder arbeitet, zählt zur Impf-Gruppe 2.

Zur letzten Prio-Gruppe gehören unter anderem Beschäftigte im Lebensmitteleinzelhandel sowie Personen, die älter als 60 sind. Auch, wer mit "prekären Arbeits- oder Lebensbedingungen" zu kämpfen hat, fällt in diese Sektion. Das ist auf der offiziellen Website der Bundesregierung zu lesen.

  • Lesen Sie auch: Wissenschaft im Kreuzfeuer – "Politischer Schildbürgerstreich": Schweiz will Corona-Forschern Maulkorb verpassen

Impfbenachrichtigung bei Obdachlosen: "Wissen nicht, wie das ablaufen soll"

So hätten einige Obdachlose also gute Chancen, zeitnah geimpft zu werden. Ohne Adresse benachrichtigt zu werden, ist aber schwierig. "Ich hoffe, dass Arztpraxen wie unsere oder auch die Praxis für Wohnungslose in der Pilgersheimer Straße kontaktiert werden, wenn Impfstoff für unsere Patienten da ist", sagt Rotter zu "Biss".

Er würde sich wünschen, dass man Obdachlose mit Blick auf die aktuelle Situation nicht vergesse. Der 54-Jährige räumt ein: "Noch wissen wir nicht, wie das genau ablaufen soll."

Letztlich sind die Impfschwierigkeiten nur eines vieler Probleme, mit denen Obdachlose aktuell zu kämpfen haben. Rotter erklärt im Gespräch mit "Biss" auch, dass für viele Menschen, die auf der Straße leben, in Corona-Zeiten die Einnahmequellen wegbrächen.

"Es sind weniger Leute unterwegs. Das heißt, Obdachlose, die betteln, bekommen weniger Geld, und es gibt zum Beispiel auch weniger Flaschen, die man sammeln könnte, um an Geld zu kommen", zitiert ihn das Magazin.

So können Sie Obdachlosen aktuell helfen

Rotter erklärt auch, wie andere Menschen Obdachlosen in der schwierigen Zeit helfen können. "Sprechen Sie die Leute an. Fragen Sie nach, ob sie was zu essen oder zu trinken möchten. Bringen Sie vielleicht auch mal warmes Essen vorbei", sagt der Helfer.

Rotter: "Insgesamt muss ich aber sagen, dass die Hilfsbereitschaft der Menschen enorm ist. Gott sei Dank!"

 

Merkel und Sündeböcke: Stillstands-Kanzlerin muss endlich Verantwortung übernehmen

FOCUS Online/Wochit Merkel und Sündeböcke: Stillstands-Kanzlerin muss endlich Verantwortung übernehmen

Quelle: Den ganzen Artikel lesen