Coronavirus stammt aus Labor in Wuhan? Vermeintliche Studie wird zum PR-Desaster für Uni Hamburg

Eine "breit angelegte Diskussion" wollte die Universität Hamburg mit der Veröffentlichung eines als "Studie" deklarierten Papiers zum Ursprung des Coronavirus am Donnerstag nach eigenem Bekunden anregen – inzwischen ist die Hochschule jedoch selbst zum Gegenstand von Diskussionen geworden: Sie steckt mittendrin in einem Kommunikationsdesaster.

Verfasst hat die angebliche Untersuchung Professor Roland Wiesendanger, ein angesehener Hamburger Physiker. "Studie zum Ursprung der Coronavirus-Pandemie" heißt sein Papier. Auf 105 Seiten geht der Wissenschaftler darin der Frage nach, wie und wo die Pandemie ihren Ausgang genommen haben soll.

In einer Pressemitteilung fasst die Uni Hamburg das Ergebnis zusammen. Wiesendanger komme zu dem Schluss, "dass sowohl die Zahl als auch die Qualität der Indizien für einen Laborunfall am virologischen Institut der Stadt Wuhan als Ursache der gegenwärtigen Pandemie sprechen".

Papier zum Ursprung der Coronavirus-Pandemie sorgt für Verwunderung

Die Universität Hamburg ist eine der größten Hochschulen des Landes, in einigen Bereichen besitzt sie internationales Renommee. Sie gilt als vertrauenswürdige Institution weit über die Hansestadt hinaus. Wenn die Kommunikationsabteilung Pressemitteilungen veröffentlicht, kann sie sich der Aufmerksamkeit fast sicher sein. Und auch im Fall von Wiesendangers Thesenpapier ging die Rechnung auf, kein Wunder bei der Tragweite seines Ergebnisses. Zahlreiche Medien sprangen auf die Publikation an, die "Bild"-Zeitung hob sie gar als Schlagzeile aufs Titelblatt: "Deutscher Professor sicher: Corona war LABOR-UNFALL in China".

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Diese Nachricht wäre eine Sensation – sollte sie stimmen. Denn bislang konnten weder die Weltgesundheitsorganisation (WHO) oder Forschende noch Geheimdienste die These einer Freisetzung des Virus aus einem chinesischen Labor zweifelsfrei beweisen. Dies kann auch Wiesendanger nicht, wie die Hamburger Universität inzwischen einräumt. Die Arbeit des Wissenschaftlers liefere "keine hochwissenschaftlichen Beweise", erklärt die Hochschule, sondern führe lediglich "zahlreiche und schwerwiegende Indizien" auf.

Das Entsetzen über das Vorgehen der Uni Hamburg und ihres Professors ist groß – an der Hochschule selbst und in der Wissenschaftscommunity. Und zwar gleich in mehrfacher Hinsicht. Das Thesenpapier weise erheblich inhaltliche und methodische Mängel auf, heißt es. Und auch die PR-Abteilung der Universität muss sich Kritik gefallen lassen.

Volker Stollorz leitet das gemeinnützige Science Media Center (SMC) in Köln, das Journalistinnen und Journalisten bei der Wissenschaftsberichterstattung unterstützt, unter anderem durch die Vermittlung von Forschenden. Auch er hat Wiesendangers Arbeit gelesen und kommt zu dem Schluss: "Das ist kein wissenschaftlicher Text. Eine Studie kann und darf man das nicht nennen", sagt er im Gespräch mit dem stern.

Unter anderem seien formale Standards wissenschaftlicher Veröffentlichungen nicht eingehalten worden. Und für Stollorz viel wichtiger: "In der Wissenschaft gilt die Regel, dass bestehenden Erkenntnissen neue hinzugefügt werden. Alles, was in dieser Veröffentlichung steht, ist jedoch bereits aus anderen Quellen bekannt." Der Hamburger Forscher habe lediglich eine "Kompilation von fremden Texten und persönlichen Kommentaren" vorgelegt. Dies sei das gute Recht Wiesendangers, allerdings müsse sich die Hamburger Universität fragen lassen, warum sie mit ihrer Pressemitteilung eine derart unwissenschaftliche Publikation verbreitet. "Das ist vollkommen inakzeptable Wissenschaftskommunikation", meint der SMC-Chef. Allerdings hätten auch die Berichterstattenden die Pflicht gehabt, die Quelle hinter der Pressemitteilung genauer zu prüfen, statt sie einfach weiterzuverbreiten.

Was die Universität Hamburg zur Veröffentlichung der Pressemitteilung bewogen hat, fragen sich auch Studierende, Forschende, Absolventinnen und Absolventen der Hochschule. "Peinlich" sei die Veröffentlichung, sagt etwa ein Professor hinter vorgehaltener Hand. Die Journalistik-Professorin Juliane Lischka schreibt bei Twitter: "Ich bin Professorin an der Uni Hamburg und distanziere mich von dem als Studie bezeichneten Meinungspapier. Die Publikation und der Post haben klare Desinformationsmerkmale. Keine Verantwortlichen haben reagiert." Der Vorgang werde "ein trauriges Fallbeispiel in meinem Desinformations-Seminar".

Der Allgemeine Studierendenausschuss der Uni erklärt: "Die 'Studie' von Herrn Wiesendanger der Uni Hamburg entspricht nicht den wissenschaftlichen Standards, die wir von einer Universität erwarten." Sie spiele Verschwörungstheoretikern und Verschwörungstheoretikerinnen in die Hände und schüre anti-asiatischen Rassismus. Unzählige Nutzerinnen und Nutzer in den sozialen Netzwerken drücken gegenüber der Uni Hamburg ihr Unverständnis über die Verbreitung der Thesen aus.

PR-Abteilung der Universität Hamburg in der Kritik

Ist also in der Kommunikationsabteilung der Hochschule irgendetwas schiefgelaufen? "Für mich zeigt die Veröffentlichung des Papiers über eine Pressemitteilung durch die Uni, wie wichtig es ist, dass sich die Hochschulkommunikation weiterhin mit Qualitätskriterien befasst und befassen muss", sagt Julia Wandt vom Bundesverband Hochschulkommunikation zum stern und wird deutlich: "Es interessiert mich, was die Beweggründe waren, dazu eine Pressemeldung der Universität herauszugeben." Diese kenne sie nicht. Für Wandt steht fest. "Ich hätte zu diesem Papier keine Pressemitteilung herausgegeben."

Dabei gehe es ausdrücklich nicht um Zensur wissenschaftlicher Forschung, sondern ausschließlich um die Einhaltung von Qualitätskriterien, die unter anderem in den "Leitlinien für gute Wissenschafts-PR" formuliert sind. Sinke die Qualität in der Hochschulkommunikation, würde auf lange Sicht die Glaubwürdigkeit von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie von Forschungseinrichtungen leiden – mit allen negativen Folgen für eine aufgeklärte Gesellschaft. "Zum Schutz der Institutionen, der Forschenden, aber auch der Wissenschaft als Ganzes müssten die Kommunikationsabteilungen der Hochschulen solche Veröffentlichungen stoppen", ist Wandt mit Blick auf das Papier Wiesendangers überzeugt.

Nach Darstellung des Verfassers der "Studie zum Ursprung der Coronavirus-Pandemie" wurde die Veröffentlichung von ganz oben abgesegnet. Uni-Präsident Dieter Lenzen sei beteiligt gewesen. "Wir haben sehr umfangreich über die Szenarien gesprochen, welche Reaktionen es auf die Veröffentlichung geben wird. Reaktionen, die uns in die Ecke von Verschwörungstheorien stellen wollen", sagt Wiesendanger dem ZDF.

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Dieses Echo ist womöglich vom Autor selbst befeuert worden. Wiesendangers Quellenverzeichnis umfasst 71 Publikationen. Darunter sind wissenschaftlich begutachtete Studien, aber auch – und vor allem: sogenannte Preprints, also nicht wissenschaftlich geprüfte Literatur, und quasi gleichberechtigt allein 36 Medienbeiträge. Darunter finden sich Artikel aus Boulevardzeitungen, Youtube-Videos und Twitter-Einträge, aber auch Publikationen, die bei Verschwörungsgläubigen beliebt sind. Es ist eine eher unübliche Quellenauswahl bei (natur-)wissenschaftlichen Untersuchungen, die ebenfalls harsche Kritik auf sich zieht und Fragen aufwirft.

Bloß: Wirkliche Antworten zu dem ganzen Vorgang gibt es keine. Die Universität will die Untersuchung Wiesendangers nicht weiter kommentieren – auch auf den Social-Media-Accounts herrscht Funkstille. "Die Hochschulleitung und die Pressestelle der Universität Hamburg üben keine Zensur zu Forschungsgegenständen und -ergebnissen ihrer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus", ist das schmale Statement einer Sprecherin auf eine Anfrage der Nachrichtenagentur DPA.

Ursprung der Coronavirus-Pandemie noch vollkommen unklar

Die Diskussion über die Vermarktung des Papiers durch die Uni hat inzwischen auch den Senat erreicht, in Hamburg sind die Wege kurz. Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank (Grüne) geht über einen Sprecher am Freitag vorsichtig auf Distanz: "Wissenschaftsfreiheit ist ein unverrückbares Gut. Gleichwohl gilt für alle Form wissenschaftlicher Forschung, dass bei unklarer oder unsicherer Datenlage Zurückhaltung in der Bewertung angebracht ist."

Physiker Wiesendanger sagt im ZDF, sein Papier sei ohnehin nicht für den wissenschaftlichen Diskurs gedacht, "sondern für die Öffentlichkeit". Warum der Weg dafür über die Pressestelle der Universität Hamburg führen musste, bleibt auch am Tag nach der Veröffentlichung vollkommen unklar. Das Ziel, eine "breit angelegte Diskussion" hat die Hochschule zwar erreicht, aber deutlich anders als geplant. Wiesendanger plant nun, seine Arbeit in anderen Sprachen zu übersetzen. Die Ursprungsproblematik müsse thematisiert werden unter der Bevölkerung vieler Länder, sagte der Wissenschaftler der DPA.

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Die Diskussion darüber, ob die Coronavirus-Pandemie tatsächlich in einem Labor in Wuhan ihren Ausgang nahm, wird indes weitergeführt – auch auf seriöser Ebene (u.a. vom britischen Zoologen Matt Ridley). Zuletzt hatte ein Expertenteam der WHO in China nach dem Ursprung des Erregers gesucht und kam zu einem anderen Ergebnis. Der endgültige Bericht liegt noch nicht vor, doch als "wahrscheinlichsten Weg" bezeichneten die Forschenden, dass der Erreger ausgehend von Fledermäusen über einen Zwischenwirt seinen Weg zum Menschen gefunden hat.

Die ernüchternde Wahrheit ist: Weder für die eine noch für die andere These gibt es bisher einen Beweis, aber auch auszuschließen sind beide nicht. Die Forschung dazu ist noch in vollem Gange. So bleibt auch die Frage zum Ursprung der Pandemie vorerst offen – wie so viele in diesen Tagen.

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