Herdenimmunität in 3 Monaten? Wie Deutschland 1 Million Menschen am Tag impfen könnte

„Impfen, Impfen, impfen“, lautet die Devise von Kanzlerin Angela Merkel. Doch der Impfturbo stottert. Es stockt an vielen Ecken und Enden. Vieles dauert zu lang. Das Team des Impfplaner 4.0 hätte Ideen, wie Deutschland ein paar Gänge höher schalten könnte.

Die Inzidenzen steigen, die Impfgeschwindigkeit in Deutschland eher nicht. Fast 100 Tage nach dem deutschen Impfstart haben rund fünf Prozent der Bevölkerung, also gut vier Millionen, ihre zweite Dosis erhalten. 12,1 Prozent, gut zehn Millionen, haben mindestens die erste Spritze bekommen. Nach Einschätzung des Robert-Koch-Instituts (RKI) reichen die Impffortschritte aber nicht, um die dritte Pandemie-Welle auszubremsen.   
 
 

Intensivmediziner, Virologen und Epidemiologen fordern einen sofortigen, harten Lockdown. Neue Berechnungen zur brasilianischen Variante P.1 lassen zusätzliche Sorgenfalten auf der Stirn von Experten entstehen.

Und doch: „Trotz steigender Infektionszahlen wäre es möglich, auf Kontaktbeschränkungen zu verzichten, wenn die Impfrate hoch genug wäre“, das sagen Claudius Gros, Physikprofessor von der Goethe-Universität Frankfurt, und Daniel Gros, Wirtschaftswissenschaftler vom Center for European Policies Studies in Brüssel. Die beiden Forscher haben eine einfache mathematische Formel entwickelt. Mit dieser ließe sich abschätzen, bei welcher Impfgeschwindigkeit die Pandemie auch ohne Lockdown beherrschbar bliebe und weder das Gesundheitssystem überlastet wäre noch die Todesraten nach oben schießen würden. So heißt es in der Pressemitteilung zur Studie, die am 8. April 2021 in der Online-Publikation „Covid Economics“ erscheinen wird. Dabei handelt es sich um ein sogenanntes Preprint, das also noch nicht von Fachkollegen begutachtet wurde.

Impfformel errechnet Punkt für Lockerungen

Um zu ihrer Faustformel zu kommen, setzen die beiden Wissenschaftler zwei entscheidende Größen ins Verhältnis – nämlich die wöchentliche Zunahme der Infektionszahlen und die Steigerung der Impfungen pro Woche.

Vereinfacht nehmen die Wissenschaftler folgenden Zusammenhang an: Erkranken x Prozent der Bevölkerung mehr pro Woche, müssen im selben Zeitraum x*f/100 Prozent der Bevölkerung mehr geimpft werden.

Der Faktor f, der am Anfang der Impfkampagne f=2 war, steigt, wenn schon ein Teil der Bevölkerung vollständig geimpft wurde. Derzeit haben wir f=6. Das heißt, wenn die Inzidenz um x=20 Prozent pro Woche steigt, müssten 20*6/100=1,2 Prozent der Bevölkerung zusätzlich (vollständig) geimpft werden. Diese gelte für die Impfdosen, die nach Alter verabreicht werden. Dabei sei zu berücksichtigen, dass zwei Impfdosen für eine vollständige Immunisierung notwendig sind.

„Da diese Impfgeschwindigkeit derzeit verhältnismäßig gering ist, dürfte nach unseren Berechnungen die 7-Tagesinzidenz pro Woche nicht mehr als 13 bis 16 Prozent ansteigen, damit die Todesraten gering bleiben und das Gesundheitssystem nicht überlastet wird“, erläutert Daniel Gros den Punkt für mögliche Lockerungen. „Im Laufe der vergangenen Woche allerdings stiegen die Infektionszahlen um 25 Prozent, damit sind umfangreiche Kontaktbeschränkungen unausweichlich.“   CoronaInDeutschland  
 
 

Wie der Plan für eine Million Impfungen pro Tag aussehen könnte

Schnellere Impfungen für schnellere Lockerungen: Um dort hinzukommen, muss sich in Deutschland einiges ändern. Denn wer mit Freunden, Bekannten, Ärzten oder Pflegern spricht, hört immer wieder den Impffrust durchklingen. Stop-and-Go bei Astrazeneca, stotterndes Anfahren der Impfkampagne bei den Hausärzten und immer wieder ist der Treibstoff im Impfstoffrennen knapp oder bleibt in Schränken liegen (zwischen ein und vier Millionen Dosen pro Woche).

Eine Idee, wie sich der Turbo zünden ließe, hat Achim Wallau, Hausarzt aus Wiesbaden. Er ist Mitentwickler des Impfplaners 4.0 und will, der Pressemitteilung nach, „die Impfkapazität von derzeit 170.000 auf über eine Million am Tag erhöhen“. Damit möchten sie ihren Teil dazu beitragen, Herdenimmunität herzustellen, und der öffentlichen Hand ein funktionierendes Werkzeug an die Hand geben, dieses Ziel zuverlässig und beschleunigt zu erreichen.

Eine „Herdenimmunität könnte bereits nach drei Monaten erreicht werden“, zeigt sich Wallau im „Welt“-Interview optimistisch. Allerdings: Die Software des Heilbronner Unternehmens Navatec sei aktuell nirgends im Einsatz, die Firma verhandele nach eigenen Angaben seit Monaten mit mehreren Landesregierungen.

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So könnten die Impfungen beschleunigt werden

Bis ein Impfwilliger zu seinem Pieks kommt, vergeht zu viel Zeit, wenn es nach Wallau geht. Darum ist sein Ansatz: sämtliche Hausärzte integrieren, um alle Daten zu erfassen, Aufklärungsgespräche zu führen, Termine zu vergeben. Zentral über die Plattform erfasst, bekäme der Patient den Termin dann im Impfzentrum oder beim Hausarzt – je nachdem, wo dieser und der passende Impfstoff verfügbar wären. Dorthin geht er mit einem Ticket, das einen QR-Quode trägt. Alle notwendigen Daten hält dieser schon parat, es braucht keine Zettelwirtschaft und vor Ort konzentrieren sich alle auf das Wesentliche: nämlich den schützenden Pieks.

So ließe sich am Ende die Verweildauer bei der Impfung selbst auf ein Minimum reduzieren und die Impfgeschwindigkeit um 500 Prozent beschleunigen, schreibt das Unternehmen. Wallau konkretisiert das im Gespräch mit der „Welt“: „Der Aufenthalt im Impfzentrum lässt sich auf bis zu fünf Minuten reduzieren – bisher sind es ja meist 45 Minuten oder noch mehr.“

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  • Gründe für den Turbo gibt es viele: Aktuell etwa hat die Bundesrepublik hat das EU-Impfziel für Menschen über 80 Jahre verfehlt. Ziel der EU-Kommission war, dass mindestens 80 Prozent dieser Altersgruppe bis Ende März gegen das Coronavirus geimpft sein sollten. Gemeldete Daten aus deutschen Bundesländern liegen nach RKI-Angaben aber deutlich darunter – zwischen 26 Prozent und 47 Prozent bei den Zweitimpfungen.

    Der Haken von Wallaus Software-Plattform: Damit der Impfplaner mit all seinen Vorzügen funktioniert – er soll gleichzeitig zentrales Impfstoffbestellsystem für Hausärzte werden – müsste er einheitlich in den Ländern besser noch deutschlandweit eingesetzt werden. Doch das ist schwierig, weil die Zuständigkeiten mal beim Bund, mal bei den Ländern liegen. Der Bund bestellt die Impfstoffe, für die Impfzentren sind die Länder verantwortlich, die Hausarztpraxen wiederum hängen am Bund. Bisher existiert kein deutschlandweit einheitliches System, um Termine zu vergeben und Aufklärungsgespräche zu organisieren.

    Impftermine über Jameda buchen

    Zeit zu gewinnen für mehr Impfungen hilft auch Jameda, Deutschlands führende Arzt-Patienten-Plattform: Mit der Jameda-Terminbuchung lassen sich Impftermine künftig nicht nur unkompliziert über die Online-Terminvergabe managen, sondern gleichzeitig relevante Dokumente im Vorfeld zur Verfügung stellen. Den Impf-Aufklärungsbogen oder Informationen zum Verhalten in der Praxis erhalten die Patientinnen und Patienten dann direkt mit der Terminbestätigung. Das soll den Aufenthalt in der Praxis so kurz wie möglich gestalten und die Ansteckungsgefahr geringhalten. Gleichzeitig bleiben die Telefonleitungen für andere wichtige Anliegen frei.

    Bei der Jameda-Terminbuchung werden automatisch beide Impftermine (für die Erst- und die Zweitimpfung) vergeben und kurzfristig frei gewordene Zeitfenster können – ohne großen Planungsaufwand – schnell wieder geschlossen werden. Dadurch müssen begehrte Impftermine nicht ungenutzt verstreichen oder Impfdosen verfallen.

    Jameda gehört wie FOCUS Online zu Hubert Burda Media.

    Wie die Impfungen jetzt Fahrt aufnehmen sollen

    Von einer Million Impfungen pro Tag bleibt Deutschland noch ein gutes Stück entfernt. Die Corona-Impfungen in Arztpraxen sollen jetzt nach Ostern beginnen und allmählich hochgefahren werden. „Das wird noch kein großer Schritt sein, aber ein wichtiger“, sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Für die erste Woche haben demnach 35.000 Hausarztpraxen 1,4 Millionen Impfdosen bestellt. Geliefert werden sollen gemäß den Planungen von Bund und Ländern zunächst 940.000 Dosen. Daneben sollen die Impfzentren der Länder 2,25 Millionen Dosen pro Woche bekommen.  
     
     

    Spahn sagte, mit dem Impfstart in den Praxen würden nun Abläufe etabliert, um die Zahlen in wenigen Wochen deutlich steigern zu können. Ende April seien mehr als drei Millionen Dosen pro Woche für die Praxen vorgesehen. Der Impfstoff gehe vom Bund an den Großhandel und dann über die Apotheken an die Praxen. Begonnen werden solle mit den Hausarztpraxen, dann sollten auch Fachärzte einbezogen werden.

    In den ersten beiden Wochen solle in den Praxen ausschließlich der Impfstoff von Biontech/Pfizer eingesetzt werden. Ab der Woche vom 19. April seien Biontech und Astrazeneca vorgesehen, danach Biontech, Astrazeneca und Johnson & Johnson.

    Erst einmal braucht es allerdings weiter Geduld, bis im Rennen wirklich viel voran geht. Roland Stahl, der Sprecher der Kassenärztlichen Bundesvereinigung der Vertragsärzte und -psychotherapeuten (KBV), appellierte auf Twitter: „Nach Ostern werden zunächst Biontech-Impfstoffe in die Praxen kommen, in vorläufig sehr geringen Mengen, deshalb: bitte nicht die Praxen mit Terminanfragen zum Impfen gegen Corona ‚stürmen‘.“

    Doch für größere Geschwindigkeit seien alle bereit. KBV-Chef Andreas Gassen sagte in der Bundespressekonferenz: Für den Impfstart nach Ostern in 35.000 Praxen sei die Bereitschaft bei Ärztinnen und Ärzten sehr hoch. dpa 15 Millionen Dosen unbrauchbar! Produktionsproblem bei Impfstoff von Johnson & Johnson

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