Nebenwirkung oder Zufall? Was hinter der Erkrankung des AstraZeneca-Patienten steckt

Beim Corona-Impfstoff, der die Nase am weitesten vorn hatte, gab es einen Zwischenfall: Ein Proband erkrankte schwer. Die Testimpfungen wurden unterbrochen. Jetzt muss schnellstens geklärt werden, ob der Impfstoff schuld am Zustand des Studienteilnehmers ist.

Der britische Pharmakonzern AstraZeneca hatte einen an der Universität Oxford entwickelten Impfstoff gegen das neue Coronavirus am schnellsten von allen Konkurrenten auf die Zielgerade zur Zulassung gebracht.

Der Impfstoff AZD1222 ist ein sogenannter Vektor-Impfstoff. Das bedeutet, dass die Impfsubstanz mithilfe eines harmlosen Virus in den Körper geschleust wird. In diesem Fall ist es die Erbinformation für das Protein von Sars-CoV-2, mit dem es an gesunde Zellen andockt. Als Fähre dient ein spezielles Adenovirus, das bei Schimpansen Erkältungen auslöst, aber für Menschen ungefährlich ist.

Das Prinzip der Vektor-Impfung hat sich bei anderen Impfstoffen bereits bewährt, ist also nicht so neuartig wie der Ansatz der schärfsten Konkurrenten Biontech aus Deutschland oder Moderna aus den USA. Die ersten Studien an Menschen hatten den Impfstoff AZD1222 für sicher und wirksam befunden.

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Ein schwer erkrankter Proband – und die Impfstoff-Studie muss pausieren

Bisher lief auch die Phase-3-Studie reibungslos, in der seit Mai bereits 17.000 Probanden in Großbritannien, Brasilien, Südafrika und seit Ende August auch in den USA geimpft wurden. Doch nun erkrankte ein britischer Versuchsteilnehmer schwer. Und natürlich taucht sofort die Frage auf: Ist der Impfstoff schuld daran?

Nicht nur der Impfstoffhersteller, sondern quasi die ganze Welt, die auf eine Impfung gegen das neue Coronavirus wartet, sucht nun fieberhaft nach Antworten. Bis zur Klärung wurden die weiteren geplanten Impfungen auf Eis gelegt. Ein unabhängiges Komitee soll nun klären, ob Sicherheitsbedenken bestehen. Stopp-Regeln gehören zur Qualitätssicherung klinischer Studien. Unerwünschte Ereignisse werden im jede Studie begleitenden „Data and Safety Monitoring Board“ bewertet.

Dass ein Proband schwer erkrankt ist, publizierte zuerst das US-Medium „Stat-News“. Die „New York Times“ recherchierte  die mögliche Diagnose des Probanden aus dem Vereinigten Königreich: „Transverse Myelitis“. Astra Zeneca bestätigte diese Erkrankung zunächst nicht, sondern sprach gegenüber Medienvertretern von einer „unerklärlichen Krankheit“.

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Erkrankung des Probanden kann viele Ursachen haben

Die vermutete Myelitis ist eine seltene akut-entzündliche Erkrankung des Rückenmarks. Dabei greift das körpereigene Immunsystem die Myelinscheiden der Nervenzellen an. Das führt zu Schmerzen, Muskelkrämpfen und Lähmungserscheinungen. 

Zur möglichen Ursache der Myelitis sagt der Infektiologe Bernd Salzberger vom Universitätsklinikum Regensburg:  „Eine der Ursachen für eine solche Erkrankung ist Polio, häufiger heute Enteroviren andere Ursachen sind Autoimmunreaktionen, wie zum Beispiel eine Multiple Sklerose.“

Über den Zusammenhang von Corona-Impfung und Myelitis spekuliert Salzberger nicht, sagt aber:  „Es gibt sehr selten eine Myelitis, vermutlich durch Kreuzreaktionen von Virusantigenen mit körpereigenen Strukturen, zum Beispiel bei der Gelbfieberimpfung.“

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Signale wie die Erkrankung des Versuchsteilnehmers müssten bei Impfstudien sehr ernst genommen und aufgeklärt werden, meint der Infektiologe. „Im besten Fall hatte der Proband eine parallele Virusinfektion, die das Krankheitsbild verursacht hat und nicht die Impfung.“

Das Science Media Center (SMC) stellte in einem Fact Sheet die wichtigsten Punkte zu Myelitis und Infektionskrankheiten beziehungsweise Impfungen zusammen. Häufig geht der Transversen Myelitis demnach eine Infektion durch verschiedene Erreger voraus. Was da genau passiert, ist bisher nicht vollständig geklärt.

Humane Adenoviren können in seltenen Fällen Entzündungen des zentralen Nervensystems auslösen. Der jetzt betroffene Impfstoff nutzt allerdings ein Adenovirus als Vehikel, das bei Schimpansen kursiert.  

Experten warnen vor vorschnellen Urteilen

Stephan Becker, Direktor des Instituts für Virologie an der Universität Marburg betont, dass derzeit noch wichtige Informationen fehlten, um den Fall des erkrankten Probanden bewerten zu können. Man wisse nicht, ob er zur Impf- oder zur Kontrollgruppe gehörte, ob Vor- oder Begleiterkrankungen vorlagen. Er ist aber der Meinung, „dass das transparente Vorgehen ein Zeichen der funktionierenden Qualitätskontrolle ist“ und ein gutes Zeichen, weil es zeigt, dass die Sicherheitsregeln greifen.“

Sollte sich die Erkrankung tatsächlich als eine Nebenwirkung des Impfstoffs erweisen, müssten die Risiken des Impfstoffs mit den Risiken einer Covid-19-Erkrankung sorgfältig abgewogen werden, sagt Becker und gibt ein Beispiel aus seinem Forschungsbereich: „Die klinische Überprüfung des Ebola-Impfstoffs förderte Gelenkentzündungen als mögliche Nebenwirkungen. Bei näherer Untersuchung waren diese tatsächlich auf den Impfstoff zurückzuführen, bei einer bestimmten Studienkohorte in Genf. In diesem Fall wurde die klinische Studie ebenfalls pausiert, aber nach einem Review des Boards fortgesetzt. Heute ist der Impfstoff zugelassen.“

Britische Forscher sind unbeeindruckt von Studienpause

Eine ganze Reihe von britischen Wissenschaftlern zeigen sich eher unbeeindruckt von der Studienpause: Sie sei nicht ungewöhnlich in einer Phase-3-Studie, sagt etwa Ohid Yacub von der Universität Sussex. „Die Offenlegung des Problems kann sogar das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Impfstoffentwicklung fördern.“

Stephen Evans, Epidemiologe von der London School of Hygiene & Tropical Medicine warnt vor einer vorschnellen öffentlichen Beurteilung und erinnert an einen Fall aus dem Jahr 2009: Eine junge Britin war nach einer HPV-Impfung gestorben. Der Impfstoff wurde sofort verantwortlich gemacht, doch eine Autopsie zeigte, dass sie einen großen, unentdeckten Tumor im Brustkorb hatte. Der Impfstoff war unschuldig.“

Und Doug Brown, Chef der British Society for Immunology mahnt zur Geduld: Der Fall werde nun genau untersucht, dann werde man weiter sehen. „Die Angelegenheit zeigt aber auch, warum wir die Wissenschaftler bei der Impfstoffentwicklung nicht drängen und zur Eile nötigen dürfen. Die Sicherheit eines Impfstoffs muss über allem anderen stehen.“

Und James Gill, praktischer Arzt und Dozent an der Warwick Medica School sagt sogar, dass er einem neuen  Impfstoff gegen einen unbekannten Erreger, der vollkommen problemlos durch alle Instanzen geht, eher misstrauen würde als einem, bei dem noch einmal ganz genau hingesehen werden muss.“

Generell überwiegt derzeit in der wissenschaftlichen Gemeinde die Ansicht, dass der Impfstoff von Astra Zeneca nicht oder zumindest nicht allein für die Erkrankung eines Probanden verantwortlich ist. Und ganz einheitlich scheint das Vertrauen in die Kontrollmechanismen und das Sicherheitsprotokoll bei der Impfstoffentwicklung gegen Sars-CoV-2 – auch wenn alles rasend schnell gehen soll.

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