Corona im Herbst und Winter: Das gilt es beim Lüften zu beachten

Was für die einen selbstverständlich ist, bringt andere mitunter zum Schmunzeln. Zumindest aus britischer Sicht ist die Neigung zum Lüften eine deutsche Eigenart: Nachdem Angela Merkel Lüften als eine der günstigsten und effektivsten Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie angepriesen hatte, widmete der britische „Guardian“ dem Thema einen eigenen Artikel.

Die Deutschen, heißt es darin, seien vom Lüften quasi besessen, rissen sogar im Winter zweimal täglich die Fenster auf. Außerdem seien Fenster ausgestattet mit hoch entwickelter Technologie, die es erlaube, sie in verschiedene Richtungen zu öffnen, für verschiedene Grade des Lüftens sozusagen. Fenster kippen als deutsches Kulturgut, so sieht es zumindest die Berlin-Korrespondentin des „Guardian“.

Es mag sein, dass die Deutschen es mit dem Lüften schon sehr genau nehmen. In den kommenden Wochen und Monaten gibt es jedoch gute Gründe, die Fenster insbesondere in Schulklassen, im Büro oder bei Treffen mit Freunden und der Familie noch häufiger aufzureißen. Wie oft aber muss das Lüften sein? Wie lange? Und wie gut schützt es vor Infektionen? Der Überblick.

Warum überhaupt lüften?

Mittlerweile haben Forscherinnen und Forscher nachgewiesen, dass sich Sars-CoV-2 mithilfe von Aerosolen verbreiten kann. Dabei handelt es sich um winzige Partikel, die jeder Mensch beim Sprechen, Husten, Singen oder einfach nur Atmen ausscheidet und die im Gegensatz zu größeren Tröpfchen nicht direkt zu Boden sinken. Stattdessen können sie mehrere Stunden in der Luft schweben und auch Distanzen von mehreren Metern überwinden.

„Unter Laborbedingungen wurde festgestellt, dass vermehrungsfähige Viren in luftgetragenen Partikeln bis zu drei Stunden nach der Freisetzung nachweisbar sind“, heißt in einer Stellungnahme der Kommission Innenraumlufthygiene am Umweltbundesamt zu Sars-CoV-2.

An der frischen Luft wehen die winzigen Teilchen schnell weg. Befindet sich ein Infizierter jedoch in einem schlecht belüfteten Raum, können sich seine mit Viren beladenen Aerosole in der Luft anhäufen. Je mehr Menschen sich in dem Raum aufhalten, je kleiner dieser ist und je länger das Treffen dauert, desto größer ist die Gefahr, dass jemand die Viren einatmet und sich ansteckt.






Lüften senkt das Infektionsrisiko, indem es die Raumluft mit frischer Außenluft vermischt und die Konzentration der Aerosole reduziert. „Das zeigt auch das Infektionsgeschehen“, sagte Martin Kriegel, Leiter des Hermann-Rietschel-Instituts an der TU Berlin, bei der Bundespressekonferenz am Donnerstag. „In gut gelüfteten Räumen haben wir keine Superspreader-Events oder große Ansteckungszahlen gesehen.“

Zumindest Angst vor der Außenluft muss niemand haben: „Es besteht nach gegenwärtigem Kenntnisstand keine Gefahr, dass durch das Lüften Coronaviren aus der Außenluft in den Innenraum gelangen und eine Infektion verursachen können“, schreibt das Umweltbundesamt (UBA).

Was ist die beste Lüfttechnik?

Wer lüften möchte, sollte mindestens stoßlüften, also: die Fenster so weit wie möglich öffnen. Noch besser für den Luftaustausch ist das sogenannte Querlüften, bei dem gegenüberliegende Fenster geöffnet werden. Auf diesem Weg sei es möglich, die Luft im Raum innerhalb weniger Minuten vollständig auszutauschen, schreibt die UBA-Kommission.

Wie oft und wie lange muss gelüftet werden?

Die gute Nachricht vorweg: Niemand muss im Winter die ganze Zeit neben einem geöffneten Fenster sitzen und frieren. „Gute Luftqualität kann man mit einem angenehmen Raumklima kombinieren“, sagte Kriegel. „Es ist eher eine Frage des eigenen Sicherheitsbedürfnisses, inwieweit man das dann noch erhöht.“

Wie oft und wie lange gelüftet werden sollte, hängt unter anderem von der Raumgröße und der Zahl der anwesenden Personen ab. Daneben spielt aber auch die Jahreszeit eine Rolle. Als Anhaltspunkte gelten folgende Empfehlungen:

  • Wohnungen: Bei einer normalen Nutzung ohne Besucher und einer durchschnittlichen Größe empfiehlt die UBA-Kommission, die Wohnung täglich mit weit geöffneten Fenstern für mindestens 10 bis 15 Minuten zu lüften. Im Sommer sollte das Lüften eher 20 bis 30 Minuten dauern, an kalten Wintertagen können demnach aber auch fünf Minuten ausreichen. Befinden sich viele Personen im Raum, etwa bei einem Familienbesuch, „empfiehlt sich während der Besuchsdauer zu lüften“, so die Kommission weiter.

  • Schulen: Bei Klassenraumgrößen von etwa 60 bis 75 Kubikmetern und 20 bis 30 Kindern sollte „in jeder (!) Unterrichtspause“ intensiv bei weit geöffneten Fenstern gelüftet werden, schreibt die UBA-Kommission. Bei Unterrichtseinheiten von mehr als 45 Minuten Dauer oder kurzen Pausen von fünf Minuten sei es auch notwendig, während des Unterrichts zu lüften. „Dabei sollte darauf geachtet werden, dass es durch die Lüftung nicht zu einer Verbreitung potenziell infektiöser Aerosole in andere Räume kommt“, heißt es weiter. „Ist zum Beispiel wegen nicht vorhandener Fenster im Flur keine Querlüftung möglich, soll die Tür zum Flur geschlossen bleiben.“

  • Büros: Laut Arbeitsschutzrichtlinien sollte in Büros grundsätzlich alle 60 Minuten stoßgelüftet werden, in Besprechungsräumen aufgrund der größeren Enge alle 20 Minuten. Vor dem Hintergrund der Pandemie empfehlen die Experten, diese Frequenz sogar noch zu erhöhen. Außerdem sollten Besprechungsräume vor der Benutzung gelüftet werden. Stoßlüften bedeutet aus Sicht des Arbeitsschutzes: im Sommer zehn Minuten geöffnete Fenster, in Frühling und Herbst fünf Minuten, im Winter sogar nur drei Minuten.

Sogenannte CO₂-Ampeln können etwa in Schulen oder Großraumbüros helfen, zu erkennen, wann es wieder Zeit zu lüften ist.

Warum muss man im Winter kürzer lüften als im Sommer?

Dass im Winter kürzer gelüftet werden muss, hat mit Physik zu tun und nicht mit Rücksicht auf das Temperaturempfinden der Menschen im Raum. Warme und kalte Luft besitzen eine unterschiedliche Dichte, die zu unterschiedlichen Druckverhältnissen führt. Das wirkt sich auf das Lüften aus: Durch ihre höhere Dichte drängt kalte Winterluft wesentlich schneller in einen warmen Raum als warme Sommerluft. Je größer also die Temperaturunterschiede zwischen drinnen und draußen sind, desto schneller tauscht sich die Luft aus.








Wie stark senkt das Lüften das Infektionsrisiko?

„Je mehr saubere Luft jemand zufügt, desto geringer wird die Anzahl potenziell virenbeladener Teilchen“, sagte Martin Kriegel, Leiter des Hermann-Rietschel-Instituts an der TU Berlin. „Diese Anzahl wird aber nie null sein. Es gibt nicht einen bestimmten Luftwechsel, ab dem der Raum sicher ist. Dessen muss man sich bewusst sein.“ Grundsätzlich sei Lüften jedoch eine effektive Maßnahme, um sich vor einer Ansteckung zu schützen.

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