Corona

SPIEGEL: Herr Di Maio, die Infektionszahlen und Todesraten steigen in Italien weiter an, es scheint eine Wiederholung des letzten Winters zu geben. Der Süden scheint sogar noch schlimmer dran als damals, es gibt weitere Verschärfungen der Maßnahmen, in manchen Regionen einen harten Lockdown. Wie ist die Situation in Neapel gerade?

Raimondo Di Maio, 63 Jahre alt, führt die legendäre Buchhandlung »Dante & Descartes« Mitten im historischen Zentrum Neapels. Seit 40 Jahren arbeitet er auch als Verleger; er hat unter anderem den einzig auf Italienisch erschienenen Text der Literatur-Nobelpreisträgerin Louise Glück herausgegeben.

Di Maio: Die Straßen sind leer, die Menschen halten sich größtenteils an die Regeln und achten sehr aufeinander. Und falls es jemand nicht tut: Auf Italienisch gibt es das Sprichwort »Tutti i nodi vengono al pettine«, was so viel bedeutet wie »Alle Knoten kehren zum Kamm zurück« oder »Alle unsere Sünden werden uns einholen«. Es gibt natürlich reale Probleme hier – zum Beispiel gibt es einfach zu wenig Sauerstoffflaschen. Ich hoffe sehr, dass sich dieses Problem so langsam löst, weil viele Menschen darauf angewiesen sind. Es gibt auch sehr große Herausforderungen für die Krankenhäuser und Patienten, weil kranke Menschen vor den Notaufnahmen stundenlang warten müssen.

SPIEGEL: Die Bilder von Menschen, die stundenlang in ihren Autos vor den Krankenhäusern warten, gingen um die Welt. Entmutigt Sie das nicht?

Di Maio: Diese Stadt ist es gewohnt zu leiden, aber auch zu reagieren, und zwar gut zu reagieren. Die Leute bleiben zu Hause, sind in den öffentlichen Verkehrsmitteln und auf der Straße vorsichtig. Alle tragen eine Maske. Wir tun alles, was gerade von uns verlangt wird – zumindest vonseiten der Bevölkerung.

SPIEGEL: Währenddessen streiten sich Neapels Bürgermeister Luigi de Magistris und der Präsident der Region Kampanien, Vincenzo De Luca, über Maßnahmen und Fehlverhalten. Wie dienlich ist das?  

Di Maio: Meiner Meinung nach irren sich beide. Und ich frage mich oft, wer sind unsere Regierenden? Diese Menschen, die sich den ganzen Tag streiten?

SPIEGEL: Insgesamt wurden 62 Personen in Neapel von den Carabinieri am Wochenende sanktioniert, 25 davon, weil sie sich nicht an die Ausgangssperre hielten. Am Wochenende hat eine Frau auch eine Anzeige bekommen, weil sie auf Menschen gespuckt hat. Vor dem zweiten Lockdown in Neapel gab es auf den Straßen viele Proteste gegen die härteren Maßnahmen. Würden Sie das alles als singuläre Vorfälle sehen?

Di Maio: Ja, ein Verrückter hier in Neapel bedeutet so viel wie hundert Durchgedrehte in Berlin. Ich glaube, dass solche Dinge überall passieren können und tatsächlich auch überall passieren. Nur wenn es hier in Neapel geschieht, scheint es eine stärkere Außenwirkung zu haben. Zum Beispiel der Mann, der tot in der Toilette eines Krankenhauses gefunden wurde: Das ist leider auch in Mailand vorgekommen und passiert sicher auf der ganzen Welt, weil es den Menschen überall schlecht geht in der Pandemie. Besonders furchtbar ist, dass ein Idiot diesen Menschen auch noch gefilmt hat.

SPIEGEL: Verlieren die Menschen langsam die Geduld?                               

Di Maio: Geduld haben wir viel in Neapel, nicht umsonst steckt in dem neapolitanischen Begriff für Geduld – pacienza – auch das Wort Frieden. Das sagte bereits der große Schriftsteller Erri de Luca.  

SPIEGEL: Geduld haben Sie, fürchten Sie sich vor der Situation gerade?

Di Maio: Sehr. Ich mache mir große Sorgen um meine Familie. Ich bin auch Großvater, ich möchte nicht aus dem Haus gehen und Angst haben, dass ich nicht wieder zurückkehre.

SPIEGEL: Die Region Kampanien wurde am 15. November innerhalb von 72 Stunden von einer gelben Zone zu einer roten erklärt.  

Di Maio: Es brauchte ein bisschen mehr Kontrolle und den Dialog mit den Einwohnern, den es nicht immer gab. Das ist, denke ich, der richtige Weg, um die Ansteckungsgefahr zu verringern, vor allem auch, weil junge Menschen nicht so gern zu Hause bleiben und lieber draußen gemeinsam trinken wollen.

SPIEGEL: In diesem zweiten Lockdown durften manche Geschäfte geöffnet bleiben, auch Ihre Buchhandlung. Was bedeutet das konkret für Sie?


Di Maio: Das Richtige an dieser furchtbaren Angelegenheit ist, dass endlich die Buchhandlungen offen bleiben dürfen, weil sie als notwendig erachtet werden, was sie auch sind. Meine Arbeit ist systemrelevant: Ich bin immer in der Buchhandlung – es gibt zwar keinen Publikumsverkehr, aber ich biete eine Art öffentliche Bücher-Dienstleistung an. Wir senden viele Bücher zu Studierenden nach Hause, empfehlen und geben Ratschläge, wo sich bestimmte Zeitschriften und Bücher finden lassen, falls ich sie selbst nicht vorrätig habe. Dafür braucht es uns Buchhändler auch. Ich lade alle dazu ein, diese Zeit zu Hause mit Lesen zu verbringen. Das ist ein guter Moment, um neue Dinge zu lernen und wichtige Bücher zu lesen, für die eigene Bildung, ob rein intellektuell oder beruflich. Jeder sollte die Zeit nutzen, um zu lernen und ein bisschen für sich zu sein. 

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